Sharing Economy und die ,Flüchtlingskrise‘: Wesen und Organisation von Sharing

Academy of Management
In einem jüngst in den Academy of Management Discoveries erschienen Artikel beschäftigen sich Martin Kornberger, Stephan Leixnering, Renate Meyer und Markus Höllerer mit einem ungewöhnlichen Fall von Sharing – der ‚Flüchtlingskrise‘ von 2015 in Wien. Dabei zeigen sie auf, dass der Sharing Economy eine materielle, aber auch eine moralische Dimension wesentlich ist: denn geteilt werden nicht nur Ressourcen, sondern auch Anliegen.

Eigentlich hatten die Forscher/innen vor, aus einer Governance-Perspektive zu untersuchen, wie im Herbst 2015 hunderttausende Menschen auf der Flucht über Wien nach Europa kamen. Eine zentrale Rolle bei der Bewältigung dieser sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ spiele damals Train of Hope – eine zivilgesellschaftliche Initiative, die sich binnen weniger Tage gebildet hatte, um den in Wien ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Weil sich Forscherlegende Henry Mintzberg just während jener Herbsttage, in denen die ersten tausenden Menschen eintrafen, auch in Wien aufhielt, besuchte er Train of Hope am Wiener Hauptbahnhof. Zu seinen Erlebnissen verfasste er gemeinsam mit dem Wiener Magistratsdirektor-Stellvertreter Wolfgang Müller einen Blogbeitrag – und bezeichnete die Krisenbewältigung darin als einen Fall von Sharing Economy: „But this is not like sharing lodging, as in Airbnb. It is about sharing concern, and help, and hope.” Inspiriert vom Blogbeitrag beschlossen die Studienautor/inn/en daraufhin, Wesen und Organisation von Sharing anhand dieses Falles zu erforschen.

In der Analyse zeigte sich dann tatsächlich die Bedeutung jener Dimension von Sharing, die über das Teilen von materiellen Ressourcen hinausging: nämlich das Teilen eines gemeinsamen Anliegens. Diese ‚moralische‘ Dimension, argumentieren die Autor/inn/en, unterscheidet sich grundliegend von jener ‚ökonomischen‘, die auf den Transfer von Gütern und die Übertragung von Verfügungsrechten abstellt. Weiters zeigt die Studie, dass Sharing Economy durch eine bestimmte Organisationform ermöglicht wird: die Sharing Economy Organization. Diese Form vereint Merkmale von Plattformorganisationen (z.B. die Nutzung von Technologie als Vermittler für Austausch und effektive Koordination, die Erschließung externer Ressourcen) und sozialen Bewegungen (z. B. Mobilisierung, gemeinsame Identität, kollektives Handeln) und ermöglich so, die ökonomische und die moralische Dimension von Sharing in Einklang zu bringen.

Referenz

Kornberger, M., Leixnering, S., Meyer, R. E., & Höllerer, M. A. (2018). Rethinking the sharing economy: The nature and organization of sharing in the 2015 refugee crisis. Academy of Management Discoveries, 4(3), 314-335. https://doi.org/10.5465/amd.2016.0138

Weitere Informationen: 

Video zum Artikel: https://www.youtube.com/watch?v=sfiSRNnpEbw

Der Artikel steht als pre print-Version unter folgendem Link zum Download bereit: https://epub.wu.ac.at/6463/

Eine Übersicht der Veröffentlichungen aus dem i-share Forschungsverbund- und Netzwerks finden Sie hier: https://www.i-share-economy.org/veroeffentlichungen.


08.11.18