Mit Plattformen gegen Covid-19 – Wie die Siegerprojekte des Hackathon #WirVsVirus Prinzipien der Plattform- und Sharing Economy einsetzen

Beim Hackathon der Bundesregierung entstand eine Vielzahl an Projekten, die sich an Prinzipien und Organisationsformen der Plattform- und Sharing Economy orientieren und diese auf die Herausforderungen der aktuellen Krise übertragen. Einige der ausgezeichneten Siegerprojekte möchten wir hier vorstellen.

Gemeinsam mit Initiativen aus der Digital-Branche rief die Bundesregierung vom 20. bis 22. März zu einem Hackathon auf, um die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie mit Beteiligung von engagierten BürgerInnen zu bewältigen. Unter dem Motto #WirVsVirus hatten die Teilnehmenden 48 Stunden Zeit, um innovative Lösungen für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu entwickeln. Über 28.000 Freiwillige nahmen am bisher größten Hackathon teil und arbeiteten in Teams an insgesamt 1.500 digitalen Projekten. 197 Projekte wurden von einem Gremium aus ExpertInnen ausgewählt und die Top 20 in der vergangenen Woche in einem Livestream ausgezeichnet.

Vor dem Hintergrund von Social Distancing verwundert es nicht, dass alle Siegerprojekte digital und webbasiert funktionieren und auf diesem Weg verschiedene Akteure online zusammenbringen. Während einige Teams sich konkret mit der Frage von Social Distancing befasst haben und unter anderem Lösungen zur Optimierung von Terminvergaben bei Fachärzten und Testzentren oder zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten entwickelten, nutzten andere die Möglichkeit der digitalen Plattform, um Produkte oder Leistungen zwischen Anbietenden und Nachfragenden zu vermitteln oder um den Zugang zu relevanten Informationen zu erleichtern.

Vermittlungsplattformen bringen Angebot und Nachfrage zusammen

Das Prinzip der Vermittlungsplattform wurde in den Projekten des Hackathon unter anderem eingesetzt, um den Bedarf an Materialen in medizinischen Einrichtungen zu decken. Die gemeinnützige Logistikplattform RemedyMatch beispielsweise versucht, Lieferengpässe von medizinischen Schutzartikeln wie Handschuhen oder Desinfektionsmitteln zu überbrücken, indem sie deutschlandweit Bestand und Bedarf an solchen Produkten zusammenbringt. Sogenannte BedarfsbringerInnen (z.B. Restaurants) können Schutzmaterial, das sie derzeit nicht selbst benötigen über die Plattform an medizinisch tätige BedarfträgerInnen (z.B. Krankenhäuser) spenden, die aufgrund von Engpässen dringenden Bedarf an Schutzmaterial haben. Zusätzlich können sich LogistikpartnerInnen auf der Plattform registrieren und beim Transport von Spenden unterstützen. Auch Print4Life hat das Ziel, die Versorgungslage in Krankenhäusern und Arztpraxen zu sichern, indem der Bestand an wichtigen Ausrüstungsteilen gewährleistet wird. Da viele dieser Gegenstände mit additiven Verfahren, wie dem 3D-Druck hergestellt werden können, sollen über die Plattform Aufträge für benötigte Ausrüstungsteile an Privatpersonen, Makerspaces und Firmen verteilt werden, die über solche Geräte verfügen. Medizinische Einrichtungen registrieren sich dazu auf der Plattform und geben ihren Bedarf an. Danach können MakerInnen sich für die Produktion eines (Teil-) Auftrags eintragen und die Teile anfertigen.

Andere Projekte legen den Fokus ihrer Plattformen eher auf die Vermittlung von Dienstleistungen und Arbeitsplätzen, die aufgrund der Krise erforderlich geworden sind. Projekte wie Colivery, Machbarschaft oder WirfuerUns übertragen das Prinzip der Nachbarschaftshilfe auf die aktuelle Krise und verbinden Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören und daher nicht nach draußen gehen können mit freiwillige HelferInnen, die zum Beispiel Einkäufe erledigen. Um den Service auch älteren Menschen ohne Zugang zu digitalen Nachbarschaftshilfen zur Verfügung zu stellen, können Hilfesuchende ihre Aufträge auch über Telefonhotlines aufgeben. Jay funktioniert ähnlich wie etablierte Vermittlungsplattformen für Jobs, konzentriert sich aber auf die durch die Pandemie ausgelösten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. So werden Unternehmen und Landwirte, die auf zusätzliche Hilfe angewiesen sind, um die Versorgung der Gesellschaft zu gewährleisten mit Menschen zusammengebracht, die ihre regulären Tätigkeiten oder Jobs derzeit nicht ausüben können.

Darüber hinaus wurde mit Small Business Hero eine gebührenfreie Plattform entwickelt, auf der kleine Geschäfte und EinzelhändlerInnen ihr Sortiment für KundInnen aus der Nachbarschaft anbieten können und dadurch unabhängig von gebührenpflichtigen Vermittlungsplattformen wie Amazon oder Etsy bleiben.

Informationsplattformen für die Krisen-Kommunikation

In Krisenzeiten ist nicht nur der Zugang zu verlässlichen und vertrauenswürdigen Informationen, sondern auch ein schneller und direkter Informationsfluss zwischen staatlichen Institutionen und BürgerInnen entscheidend. Zu diesem Zweck wurden beim Hackathon Informationsplattformen entwickelt, die dezentral von verschiedenen staatlichen AkteurInnen mit Informationen ausgestattet werden und dadurch die Krisen-Kommunikation erleichtern sollen. Während I.R.I.S. den Austausch zwischen Behörden und medizinischem Personal verbessern möchte, sollen über DEalog Behörden und BürgerInnen besser miteinander kommunizieren können. IDA richtet sich spezifisch an Auslandsdeutsche und zielt auf deren stetigen Kontakt zu den konsularischen Vertretungen der Bundesrepublik ab.

Plattformen und Prinzipien der Sharing Economy zur Krisenbewältigung

Die Plattform- und Sharing Economy hat sich mittlerweile auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausgeweitet und ist aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Der Hackathon #WirVsVirus zeigt, dass digitale Plattformen auch in Zeiten von sozialer Distanz, Quarantäne und Home-Office praktikable Lösungen bieten, um ausgewählte Herausforderungen der Krise zu bewältigen. Durch sie können Menschen und Ressourcen zusammengebracht werden, die aufgrund der aktuellen Situation nicht auf üblichem Weg zusammenfinden. Gleichzeitig lassen sich durch digitale Netzwerke Solidarität und Hilfsbereitschaft bündeln und manche die Schwierigkeiten, die beispielsweise aufgrund von Lieferengpässen oder Ladenschließungen entstehen, adressieren. Die vorgestellten Projekte zeigen konkret, wie Prinzipien der Plattform- und Sharing Economy Lösungen bieten können.

Die Projekte zur Beschaffung medizinisch notwendigen Materials ermöglichen die geteilte Nutzung von Ressourcen – durch Weitergabe von ansonsten ungenutztem Material sowie durch die Verwendung von Geräten zur Herstellung von notwendigen Produkten. Wegen der gemeinsamen Bearbeitung von Aufträgen durch verschiedene Akteure lassen sich die Ideen darüber hinaus auch dem Prinzip der kollaborativen Produktion zuordnen. Weitere Projekte orientieren sich am Prinzip der Nachbarschaftshilfe und legen ihren Fokus auf Solidarität, nachbarschaftliche Unterstützung und die Vermittlung von freiwilligen Dienstleistungen. Die Projekte zur Vermittlung von Jobs und zum Onlinehandel greifen demgegenüber klassische Prinzipien der Plattformökonomie auf und bieten auf die Krise abgestimmte Alternativen zu bestehenden Plattformen an. Die Ideen zur besseren Krisen-Kommunikation orientieren sich wiederum an Prinzipien der Sharing Economy, deren breitere Definition auch das Merkmal von offenem und frei zugänglichem Wissen einschließt.

Die aktuelle Krise bringt – auch abseits des Hackathons - viele neue und innovative Lösungen und Projekte hervor und so scheint es nicht nur spannend zu sein, die Weiterentwicklung der Siegerprojekte des Hackathons zu verfolgen, sondern auch zu beobachten, welche Rolle die Organisationsformen und Prinzipien der Plattform- und Sharing Economy in Zukunft bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen spielen werden.

Weitere Informationen zum Hackathon unter: https://wirvsvirushackathon.org/

Alle prämierten Projekte können in dieser YouTube-Playlist angesehen werden: https://www.youtube.com/playlist?list=PLYGe9q9_Jo3BxoLFeuKeVMtZDtKNVeXlM


06.04.20