Facetten der Sharing Economy – Besuch in einer Fahrradselbsthilfewerkstatt

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RadBox UBT
Ein platter Reifen oder eine springende Kette sind für viele Fahrradbesitzer ein großes Ärgernis. Aufgrund der Corona-Pandemie muss man bei vielen professionellen Werkstätten momentan mit langen Wartezeiten rechnen. Eine Alternative dazu bieten Selbsthilfewerkstätten, die die Besucher bei Reparaturen unterstützen und das oft benötigte Werkzeug bereitstellen. Warum es lohnenswert sein kann, sich die Hände schmutzig zu machen, zeigt dieser Artikel. (for english version see below)

Es hält fit, es fördert das Wohlbefinden, und es ist schonend für die Umwelt: Gründe, die für das Fahrradfahren sprechen, gibt es viele. Und es scheint, als habe die Corona-Pandemie in diesem Jahr einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die Deutschen ihre Lust und Liebe zum Rad (neu) entdeckt haben. Seitdem Fahrradläden wieder öffnen dürfen, können sich viele vor Kundschaft gar nicht mehr retten. So gehört die Fahrradbranche neben dem Lebensmitteleinzelhandel und der Bau- und Heimwerkermarktbranche bisher zu den Gewinnern der Krise. Dieser ungewohnte Andrang hat jedoch auch seine Schattenseiten: Inzwischen sind viele Modelle ausverkauft und bis zu einem Termin in der Fahrradwerkstatt muss man sich mitunter sehr lange gedulden. Wer bei einem platten Reifen oder einer losen Bremse wochenlang auf eine Reparatur wartet, steigt oft auf andere, teils weniger umweltfreundliche Verkehrsmittel um. Die Lösung? Die Dinge selbst in die Hand nehmen!

Viele Menschen scheuen sich jedoch davor, ein Fahrrad eigenhändig zu reparieren – sei es, weil nicht das richtige Werkzeug zur Hand ist, weil ein unbekanntes Ersatzteil benötigt wird, oder weil man die Sorge hat, die vielen Kleinteile nicht wieder korrekt zusammenzusetzen. Gerade an einem Fahrrad, an dem viele bewegliche Teile ineinandergreifen und sicherheitsrelevante Komponenten wie Bremsen und Licht besondere Aufmerksamkeit erfordern, ist die Schwelle, Dinge selbst auszuprobieren, oftmals hoch. Seit einigen Jahren gibt es jedoch immer mehr Stellen, an denen Fahrradbesitzer Hilfe finden: Leipzig hat sie, Heidelberg auch, Berlin natürlich mehrere – die Fahrradselbsthilfewerkstatt.

Es sind Orte, an denen es nach Bremsenreiniger und Kettenöl riecht. Wo Menschen mit schmutzigen Händen Reifen wechseln, Bremsen nachziehen oder Schaltungen einstellen – und dabei Hilfe bekommen. Die Selbsthilfewerkstätten leben von den engagierten und zumeist ehrenamtlichen Mitarbeitern, die Besucher bei ihren Problemen beraten und die notwendigen Reparaturschritte erklären. Vielerorts kann man die Angebote kostenlos oder gegen eine kleine Spende in Anspruch nehmen, andere Werkstätten verlangen pro Stunde einen kleinen Betrag, um Miete und Werkzeuge zu finanzieren.  

Die Werkzeuge sind oft der große Stolz der Selbsthilfewerkstätten. Neben den klassischen Gerätschaften wie Schraubenzieher, Schraubstock und Zangen findet sich hier auch allerhand Spezialwerkzeug, mit denen die unterschiedlichen Teile eines Fahrrads auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden können. So helfen Reifenheber und Flickzeug dabei, ein Loch im Schlauch zu reparieren. Ein Zentrierständer ist sinnvoll, wenn ein Laufrad einen Achter hat. Und spezielle Montageständer, in die das Fahrrad eingehängt werden kann, erleichtern alle Reparaturen.

Aber Fahrradselbsthilfewerkstätten sind meist mehr als nur Orte, an denen man sein Fahrrad reparieren kann. Viele Werkstätten richten regelmäßig Workshops aus, in denen man sich mit der Funktionsweise der einzelnen Bauteile vertraut machen kann. Oft haben sie auch gebrauchte Fahrradteile auf Lager oder bieten Leihräder an. In einigen Städten sind sie zudem der Ausgangspunkt für Initiativen, die sich für fahrradfreundliche Politik stark machen. Somit sind die Werkstätten nicht nur Anlaufstelle für alle, die sich eine professionelle Fahrradreparatur nicht leisten können oder nicht bis zum nächsten freien Termin in der Werkstatt auf ihr Fahrrad verzichten möchten – sie sind auch Treffpunkt für fahrradbegeisterte Menschen und leisten einen Beitrag zu nachhaltiger Mobilität. Fahrradselbsthilfewerkstätten sind, wie auch Repair Cafés, Teil der Sharing Economy und verfolgen das Ziel, Ressourcen gemeinsam zu nutzen, statt sie zu besitzen. Sie setzen darüber hinaus ein Zeichen gegen die Wegwerfkultur und möchten Wissen vermitteln und teilen.

Wenn aber die professionellen Werkstätten in Zukunft wieder zeitnahe Termine vergeben und der Geldbeutel es zulässt, warum dennoch eine Selbsthilfewerkstatt aufsuchen? Der Autor Wolfgang Heckl nennt im Interview mit ZEITmagazin ONLINE einen weiteren wichtigen Grund: „Weil Reparieren glücklich macht! Beim Reparieren meistern Sie eine Aufgabe, ganz autark. So erleben Sie Selbstwirksamkeit: Ich habe das geschafft – das ist doch jedes Mal eine Freude!“

 

Eine Übersicht über Reparaturwerkstätten in Ihrer Nähe finden Sie im i-share Atlas.

Bilder zur Verfügung gestellt von der RadBox UBT

Quellen und weiterführende Links:

https://www.wz.de/auto/fahrradboom-fuehrt-zu-langen-wartezeiten-in-werkstaetten_aid-53233831

https://www.augsburger-allgemeine.de/themenwelten/Das-Fahrrad-selbst-reparieren-und-die-Profis-helfen-mit-id41462996.html

https://www.velonest.com/de/blog/kategorie/reparatur-und-basteln/hilfe-zur-selbsthilfe-in-fahrradwerkstaetten


Facets of the Sharing Economy – A visit to a bicycle self-help workshop

A flat tire or a jumping chain is a big nuisance for many bicycle owners. Due to the Corona pandemic, many professional garages are currently experiencing long waiting times. An alternative is offered by self-help bicycle workshops, which support visitors during the repair process and provide the tools they often need. This article shows why it can be worth getting your hands dirty.

It keeps you fit, it promotes well-being, and it's good for the environment: there are many reasons for cycling. And it seems that the Corona pandemic this year has made a decisive contribution to the Germans (re)discovering their love and desire for biking. Since bicycle stores have been allowed to reopen, many of them can hardly contain their high number of customers. So far, the bicycle industry has been one of the winners of the crisis, along with the food retail trade and the building and DIY sector. However, this unusual rush also has its downsides: Many models are now sold out and it can take a long time to get an appointment at the bicycle repair shop. If one waits weeks for a flat tire or a loose brake to be repaired, one often switches to other, sometimes less environmentally friendly, means of transport. The solution? Take things into your own hands!

However, many people shy away from repairing a bicycle themselves - be it because the right tools are not at hand, because an unknown spare part is needed, or because they are worried about not putting the many small parts back together correctly. Especially on a bicycle, where many moving parts interlock and safety-relevant components such as brakes and lights require special attention, the threshold to try things out for yourself is often high. In recent years, however, there have been more and more places where bicycle owners can find help: Leipzig has them, Heidelberg has them, and Berlin of course has several - the bicycle self-help workshops.

These are places that smell of brake cleaner and chain lubricant. Where people with dirty hands change tires, retighten brakes or adjust gears - and get help doing so. The self-help workshops live from the dedicated and mostly voluntary staff who advise people with their problems and explain the necessary repair steps. In many places, the services are available free of charge or for a small donation. Other workshops charge a small amount per hour to finance rent and tools. 

The tools are often the great pride of the self-help workshops. In addition to the classic tools such as screwdrivers, vices and pliers, there are all kinds of special devices with which the different parts of a bicycle can be taken apart and put back together again. For example, tire levers and patching tools help to repair a hole in the tube. A truing stand is useful in case a wheel is bent. And special mounting stands, in which the bicycle can be placed, make all repairs easier.

But bicycle self-help workshops are usually more than just places where you can fix your bike. Many workshops regularly hold courses where one can learn how the individual components work. They often have used bicycle parts in stock or offer rental bikes as well. In some cities, they are also the starting point for initiatives to promote bicycle-friendly policies. This means that the garages are not only a contact point for all those who cannot afford a professional bicycle repair or who do not want to give up their bicycle until the next available appointment at the garage. They are also a meeting place for bicycle enthusiasts and contribute to a sustainable mobility. Bicycle self-help workshops, like repair cafés, are part of the Sharing Economy and pursue the goal of commonly using resources instead of owning them. They also set an example against the throw-away culture and want to pass on and share knowledge.

But if the professional garages are going to start making prompt appointments again in the future, and if the budget allows it, why go to a self-help workshop anyway? In an interview with ZEITmagazin ONLINE, author Wolfgang Heckl gives another important reason: "Because repairing makes you happy! When repairing, you master a task, completely self-sufficiently. You experience self-efficacy: I've done it – this feeling is always a pleasure!"

 

An overview of self-help repair workshops in Your area can be found here.

Pictures provided by RadBox UBT

Sources and further links:

https://www.wz.de/auto/fahrradboom-fuehrt-zu-langen-wartezeiten-in-werkstaetten_aid-53233831

https://www.augsburger-allgemeine.de/themenwelten/Das-Fahrrad-selbst-reparieren-und-die-Profis-helfen-mit-id41462996.html

https://www.velonest.com/de/blog/kategorie/reparatur-und-basteln/hilfe-zur-selbsthilfe-in-fahrradwerkstaetten


25.10.20